GERMAN

Freie Menschen in freien Vereinbarungen: Gegenbilder zu Markt und Staat

Book information

Publisher
SeitenHieb-Verlag
Year
2012
ISBN
9783867470056, 3867470057
Language
german
Format
PDF
Filesize
14 MB (14683104 bytes)
Series
Fragend voran…
Edition
2. Auflage
Pages
352\356
Time added
2022-02-06 21:52:14

Description

Der Mensch kann sich und seine Umwelt abstrahieren. Das heißt, er kann so tun, als stände er außerhalb seiner selbst und beobachte sich. Er kann überlegen, ob das sinnvoll ist oder nicht, was er gerade tut, getan hat oder tun will. Gleiches lässt sich zur eigenen Umwelt sagen – je sogar zu einer entfernten Umwelt, die gerade gar nicht direkt vor Augen steht. Der Körper, allen voran die Hände, bieten hervorragende Möglichkeiten, konkrete Ideen zur Veränderung der äußeren Erscheiungen auch umzusetzen. Der Kopf mit dem leistungsfähigen Gehirn spielt mit, das in sehr komplexen Handlungsabläufen zu tun. Nicht nur lässt sich so die Natur direkt verändern, z.B. kann ein Boden aufgelockert, Wasser umgeleitet oder Holz zu Papier werden. Es lassen sich auch nicht nur einfache Hilfsmittel herstellen, sondern mehr verschachtelte Vorgänge entwerfen, bei denen z.B. ein Werkzeug hergestellt wird, das ein Werkzeug herstellt, mit der eine Maschine hergestellt wird, die die Umgebungsbedingungen verändert. Selbst das ist noch recht einfach – kommen noch Kooperationen vieler Beteiligter und programmierte Algorithmen wie die Software von Computern hinzu, so entsteht ein sehr komplexer Ablauf, der am Ende die Auffassungsfähigkeiten der Einzelnen schnell übersteigt. Allerdings lassen sich wieder Hilfsmittel erzeugen, die die Steuer- und Überschaubarkeit von Vorgängen verbessern – oder verschlechtern. Die Grenzen menschlicher Gestaltungsfähigkeit sind also weit gesteckt und lassen sich ständig weiter dehnen. Die entscheidende Frage ist, wofür diese Fähigkeiten genutzt werden. Wohin wird die Produktivkraft gelenkt? Wie sehen die Entscheidungswege aus? Auf welche Weise entstehen Kooperationen, wie können Entwicklungen beeinflusst werden – und durch wen? All das kann nicht "wissenschaftlich" oder technisch entschieden werden. Wohl können für alle Entscheidungen dann wieder die passenden Hilfsmittel erstellt werden, aber die Richtung selbst ist eine politische. Eine, die den Menschen angeht und, aus emanzipatorischer Sicht, von ihnen ausgehen sollte. Zur Zeit dient gesellschaftliche Aktivität überwiegend der Steigerung von Profiten und der Kontrolle. Beide sind mitunter auch verbunden und bestehen wieder aus vielen Teilaspekten, bilden die dominanten Säulen gesellschaftlicher Organisation. Seit Jahrhunderten. Der lange Gewöhnungsprozess lässt sie wie Naturgesetze erscheinen, doch bei näherer Betrachtung sind sie mit allen verfügbaren Mitteln der Herrschaftsausübung durchgesetzt und immer wieder neu inszeniert – von formal begründeten Drohkulissen (Gesetze, Strafe) bis zu diskursiver Vermittlung. Emanzipation als Ringen um gesellschaftliche Bedingungen bedeutet also zunächst, die Metafrage immer wieder zu stellen. Es reicht nicht, nur über die technische Lösung der Energieversorgung, der Nahrungsmittelerzeugung, zu Medikamenten und ärztlicher Behandlung, zu Wissen, Kommunikationsformen und Entscheidungsfindung zu debattieren. Sondern zur Disposition steht die Frage, wie darüber entschieden wird – also die Eigentumsfrage, die Frage der Transparenz aller Abläufe, die Methoden der Entscheidungsfindung, ja sogar schon die Frage, wie über diese Fragen diskutiert und entschieden wird. Auch gehört dazu die Klärung, ob überhaupt etwas für alle festgelegt werden soll, was also Entscheidungen überhaupt bedeuten und nach sich ziehen.Schnell können schwindelerregende Höhen mehrfach verknoteter Gedankenstränge erreicht werden, die bei allem zu berücksichtigen sind. Denn soziale Gefüge sind hochkomplex. Einfache Einzellösungen werden ihnen selten oder nie gerecht. Daher sei eine der wichtigsten Schlussfolgerungen schon am Beginn genannt. Es wird keine neue Norm, kein neues Gesetz geben können, dass Emanzipation passgenau beschreibt und sichert. Nur der Mensch selbst, allein oder in der Kommunikation mit anderen, ist in der Lage, komplex wirkende Lösungen zu entwerfen und – da diese immer nur für den Moment gelten können – weiterzuentwickeln. Es gibt also keinen Anfang und kein Ende. Es gibt immer Alternativen, aber uns werden nicht immer alle einfallen. Fortschritt basiert daher auf der Offenheit der Gegenwart und der Reflexion, ob nicht noch Anderes oder Besseres möglich wäre. Das wiederholt sich nach jedem Schritt voran… 1 Intro: Inhalt 6 Vorweg 9 Worum geht es? 11 2 Grundlagen und Geschichte von Herrschaft – Geschichte sozialer Organisierung 14 Soziale Organisation als Grundform menschlichen Lebens 14 Wer macht Geschichte? Was prägt die Gesellschaft? 17 Emanzipation: Das Herrschaftsförmige aus den Beziehungen verdrängen 22 Masse… in Form gegossen: Wird aus Vielen Vielfalt? 29 Soziale Organisierung als Teil des Menschseins 29 Eine Menge von Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen 29 In welcher Form leben wir? 38 Biologie und Kultur des Menschen bieten mehr 39 Plädoyer für Vielfalt ohne Hierarchie 40 Geschichte formaler Herrschaft 43 Normierung, Kontrolle und Sanktion im Wandel der Zeit 43 Was lange währt…: Die klassischen Formen formaler Macht 43 Neue Weltordnung: Modernisierte, formale Herrschaft 47 Erscheinungsformen institutionalisierter Macht 52 Kein ruhiges Leben ohne Verdrängung 56 Geschichte der Produktivkraft als ökonomische Unterdrückung des Menschen 57 Geschichtliche Entwicklung der Produktivkraft 59 Von der personal-konkreten zur abstrakten Vergesellschaftung 63 Ökonomische Zwänge, Abhängigkeit und Kapitalverteilung 66 Diskursive Herrschaft 70 Wie sich Traditionen, Normen und Wahrheiten einbrennen 70 Diskurssteuerung 73 Beispiele für Diskurssteuerung 74 Rollen und Zurichtung 81 Aufklärung: Demaskieren als Ziel 83 Wir, alle und die Stimmen des Ganzen 84 Repräsentation und Vereinnahmung 84 Schlussgedanke 88 3 Was sind Welt und Leben? 89 Der ewige Streit um Diesseits und Jenseits 90 Dynamische Materie in Selbstorganisierung 96 Materie im Wandel — an Beispielen 111 Wahrheit und Wahrnehmung 122 Was ist der Mensch? 137 Was prägt den Menschen? 137 Abhängigkeit, Geborgenheit, Losgelöstsein 148 Fluchten: Die Matrix der Geborgenheit 151 Statt Fluchten: Subjekt des eigenen Lebens werden 157 Selbstentfaltung 161 Egoismus als Antrieb 163 Wie geht’s? 166 Was hindert uns? 172 Autonomie & Kooperation 177 Wo Eigennutz und Gemeinnutz sich gegenseitig fördern 177 Autonomie und Kooperation 179 Beziehungskisten: Auf die Art der Kooperation kommt es an 182 Voraussetzungen für „Autonomie und Kooperation” 186 Der Weg zu Autonomie und Kooperation 189 Mensch – Natur – Technik 191 Mensch und Natur 191 Natur und Natürlichkeit 194 Naturnutzung als Allianztechnologie 196 Technik: Heilsbringer, teuflisch oder einfach nur Werkzeug? 200 Forschung und Forschungsfreiheit 204 4 Strategien 207 Die Brücke von der Theorie zur Praxis 207 Heute beginnen, nie aufhören 208 Emanzipation und Selbstentfaltung als offener Prozess 208 Fragend schreiten wir voran 215 Mut zur Vision bei kritischer Reflexion 215 Horizontalität und offene Systeme 217 Räume, Kommunikation und mehr ohne Privilegien 217 Verhandeln ohne Regeln und Metaebenen 218 Worauf ist dann noch Verlass? 224 Anwendungsfelder 227 Koordinierung und Kooperation 231 Auf der Metaebene der Gesellschaft 231 Zentrale Steuerung 231 Demokratische Legitimation 232 Räte 233 Die übersehenen Problem aller Modelle: Eliten, Ressourcen, diskursive Macht 238 Perspektiven 241 Ökonomie ohne Zwang und Unterdrückung 243 Herrschaftsfrei wirtschaften 243 Eine andere Produktionswelt ist möglich! 247 Klarstellung: Emanzipation ist etwas anderes als (Neo-)Liberalismus 252 Möglichkeiten und Grenzen dezentraler Wirtschaftsformen 253 5 Praxis: Experiment, Aktion und Alltag 258 Demaskierung des Herrschaftsförmigen in Verhältnissen und Beziehungen 258 Herrschaft abwickeln 259 Aneignung und Austeilen 261 Beteiligungsmöglichkeiten ausdehnen, Hemmnisse abbauen 262 Utopien entwickeln, benennen und vorantreiben 264 Experimente und Anwendungsfelder 265 Aktion: Öffentlichkeit und Widerstand 267 Gemeingüter und frei zugängliche Ressourcen 268 Commons, Open Access und der kleine Unterschied 268 Organisationsformen 274 Hürden und Hemmnisse 275 Beispiele für Commons und Open Access 277 Streit: Organisierte Vielfalt und Antrieb für den weiteren Prozess 285 Anbahnung von Kommunikation und Kooperation 285 Orte schaffen und Methoden „erfinden“ 288 Alltagstauglichkeit: Direkte Intervention üben 289 Umwelt und Ressourcen 291 Zentrale Steuerung oder Umweltschutz von unten? 291 Umwelt oder Mitwelt? 292 Flächen- und Rohstoffverbrauch 292 Fazit: Umweltschutz ist eine Machtfrage 296 Experimente und Aktionen 297 Über das Örtliche hinaus: Wie entsteht das Große? 300 Direkte und gesamtgesellschaftliche Kooperation 300 Beispiel Wasserversorgung 302 Energieversorgung 304 Beispiel Mobilität 307 Konversion: Das Neue aus dem Alten formen 308 Widerstand als utopisches Feld 310 Emanzipatorische Organisierung und Strategie 311 Widerstand… ohne sich an Machtkämpfen zu beteiligen 316 Und was heißt das praktisch? 319 Wer schafft den Wandel? 325 Anhang: Glossar 326 Literatur 347 Bücher und Materialien 351

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