GERMAN

Die Graffiti der Formativzeitlichen Anlage von Sechín Bajo und ihre zeitliche Einordnung

Book information

Publisher
Freie Universität Berlin
Year
2009
Language
german
Format
PDF
Filesize
29 MB (30792653 bytes)
Pages
\301
Topic
History\\Archaeology
Orientation
yes
Scanned
portrait
Time added
2024-09-26 23:16:47

Description

Diss., FU Berlin, 2009.Im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. kommt es in den Tälern der nördlichen Küste Perus zu tiefgreifenden Veränderungen: Es entstehen Siedlungen, große Siedlungskammern in den Tälern und monumentale Baukomplexe; Erscheinungen, die wichtige Veränderungen im Siedlungs- und Sozialgefüge der dort lebenden Gesellschaften reflektieren. Dem Casma-Tal kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da es wichtige Ressourcenzonen und kulturbestimmende Regionen miteinander verbindet: Die Taloase der Küstenzone mit dem fischreichen Meeresstrom sowie dem Andenhochland und dem tropischen Tiefland. Die dichte Besiedlung des Casma-Tales in spätarchaischer und frühformativer Zeit und die große Anzahl von Monumentalbauten sind sicherlich auf die Bedeutung des Tales zurückzuführen. Der Fundplatz von Sechín Bajo liegt am nördlichen Talrand des Rio Casma, unmittelbar am Übergang der landwirtschaftlich genutzten Zone zur Wüste. In mehreren Grabungskampagnen wurde der Kultbau Sechín Bajo untersucht. Die Plattformanlage besteht aus zwei Gebäudeteilen, einem kleineren, Bau 1, und einem größeren, Bau 2, oder Hauptbau, die beide miteinander verbunden wurden. Insgesamt erreichen sie eine Größe von 125 mal 185 m mit einer erhaltenen Höhe von bis zu 20 m. Die beiden Gebäude datieren in die Zeit zwischen 2100 und 1300 v. Chr. Es konnte außerdem eine ältere Vorgängerbebauung nachgewiesen werden, die jedoch teilweise von den späteren Gebäuden überbaut wurde. Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine Plattformanlage, gebaut aus Lehmziegeln mit vorgelagerten Vertieften Runden Plätzen. Nach 14-C-Untersuchungen datiert dieser Plattformbau in die Zeit von 3500 bis 3000 v. Chr. und zählt somit zu den ältesten Anlagen des Andenraumes. Der formativzeitliche Kultbau zeigt einen achsensymmetrischen Aufbau mit vier hintereinanderliegenden aufsteigenden Höfen mit axial angelegten Treppenaufgängen. Baumaterial sind vor allem einseitig zugeschlagene Steine örtlicher Herkunft, die in Lehmmörtel gesetzt und mit kleineren Steinen verzwickelt wurden. Die Wände erhielten einen Lehmputz, der teilweise farbig gefasst war. In dem ersten und größten Hof des Hauptbaus war in den Lehmputz ein großformatiges Relief modelliert. Es zeigt Personen in Frontaldarstellung mit ausgebreiteten Armen nebeneinander in Form eines rituellen Tanzes oder einer Prozession. Die Höfe 2 und 4 des Hauptbaus sowie der zentrale Raum von Bau 1 erhielten in der letzten Bauphase vor die rechteckigen Umfassungsmauern neue Wände mit abgerundeten Ecken und Nischen in regelmäßiger Anordnung. Etwa um 1300 v. Chr. wurde die Anlage verlassen. Dafür wurden alle kleineren Treppen sorgfältig zugemauert und die Haupteingänge zu Bau 1 und Bau 2 intentional zerstört, um sie symbolisch unbetretbar zu machen. Nach dem Verlassen wurden in die südwestliche Außenwand von Bau 1 122 Graffiti in den Lehmputz eingeritzt. Weitere 7 Graffiti wurden an anderen Wänden vorgefunden. Bei der „Graffiti-Wand“ handelt es sich um das größte bisher bekannte Ensemble frühformativzeitlicher Ritzzeichnungen in Lehm. Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Aufarbeitung dieses Bildvorkommens. Die Graffiti weisen sowohl Ähnlichkeiten mit dem Fries aus Hof 1 der Anlage auf, als auch zu weiteren Fundplätzen im Casma-Tal (z.B. Cerro Sechín) und anderen Nachbartälern. Die herausragende Darstellung eines anthropomorphen Mischwesens mit Felide- und Vogelattributen sowie geometrischen Mustern verweist mit seiner komplexen mythologischen Ikonographie bereits auf die spätere Chavinkultur. Die Untersuchungen am Fundplatz von Sechín Bajo haben eine 2000-jährige Baugeschichte dokumentiert, beginnend mit dem bislang ältesten Monumentalbau aus der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. mit seinen Vertieften Runden Plätze bis hin zu den monumentalen Plattformbauten des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. Der Wandel der Baukörper, das Verlassen der Anlage und das Anbringen der Graffiti und deren zeichnerischer Inhalt reflektieren eindrucksvoll die gesellschaftliche Entwicklung und den Wandel von Weltbildern.

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